Eine Stiftung schafft Kontinuität

Die Bürgerstiftung Wesseling vorgestellt aus der Sicht eines Kurators

von Stephan Rodtmann

Wo sind eigentlich Bürgersinn, Nachbarschaft und das Gefühl von Gemeinschaft geblieben? Im Zuge der zunehmenden Ökonomisierung der Gesellschaft und eines überbordenden  Individualismus scheinen diese Werte zu schwinden.

Technik, Lebensumstände, Lebensentwürfe sind einem atemberaubenden Wechsel unterworfen. Wir taumeln von einer vermeintlichen Krise zur nächsten. Jeder kämpft allein, mit dem Rücken zur Wand. Die Familie, die Kirche, der Verein, die Dorfgemeinschaft als Ruhestifter aber auch Korrektiv verlieren ihre Bedeutung. Nach der Boomphase der 70er und 80 er Jahre befinden uns nun schon seit 30 Jahren in einer fin-de-siècle-Stimmung,  die trotz Wohlstandes die Gemeinschaft belastet.

Dennoch, in den westlichen Ländern findet man einen Trend zur Einfachheit, Entschleunigung und auch der Gemeinsinn blüht doch wieder auf.

Dr.Stefan Nährlich, Geschäftsführer Aktive Bürgerschaft e.V.: „Nach Studienlage haben sich noch nie so viele Menschen in Deutschland für Kultur, Jugend, Soziales oder Umwelt engagiert wie heute.“

  • Deutschland spendet 2-3 Milliarden Euro pro Jahr für karitative Zwecke
  • 34% aller Erwachsenen engagieren sich gemeinnützig
  • 27% können sich vorstellen eine Stiftung mitzugründen.

In Zeiten der tiefsten Erschütterungen und des rasanten Wandels steigt die Zahl von Stiftungen stets an. Am deutlichsten war dieser Effekt in den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges, am Ende des Alten Reiches und in der Gründerzeit zu erkennen.

Was ist eine Bürgerstiftung?

Kernidee: „ Ihr Geld geht nie verloren“

Mit diesem Motto wirbt die Bürgerstiftung Hamburg um Zustiftungen. Ein charmanter Einfall, Geld das nicht verloren geht in Zeiten wie diesen? Schon seit Urzeiten fragen sich Menschen: „Was bleibt, wenn ich nicht mehr bin?“ Kaiser, Könige, Würdenträger und reiche Geschäftsmänner stifteten seit Jahrhunderten. Die Fuggerei in Augsburg 1521, Stiftskirchen, Stiftshospitäler, Klöster und ganze Siedlungen entstanden. Mit dem Aufkommen des Philanthropismus bei steigendem Wohlstand hatten dann aber auch Bürger die Mittel und den Idealismus ihrer Gemeinschaft dauerhaft etwas  zurück zu geben.

»Es wäre schön, wenn jemand, der sein Testament aufsetzt, zu einer dauerhaft bestehenden Organisation gehen und sagen könnte: „Hier ist eine große Geldsumme. Ich möchte sie hinterlassen, um das Gemeinwohl vor Ort zu fördern. Da ich nicht weiß, was in 50 Jahren die größten Bedürfnisse sein werden, gebe ich sie in Ihre Hände, um zu entscheiden, was getan werden soll.“« (Frederick Goff).

Dieser Gedanke führte 1914 zur Gründung der ersten Bürgerstiftung der Welt, der Cleveland Foundation, die inzwischen ein Stiftungsvermögen von 1,6 Milliarden Dollar verwaltet und jährlich 84 Millionen Dollar ausschüttet.

Das Stiftungsvermögen wird niemals angetastet sondern konservativ angelegt. Nur die Erträge dürfen zum Erreichen des Stiftungszwecks verwendet werden. Aktuelle Projekte werden durch Spenden und Sponsoring mitfinanziert. Aber auch die Zustiftung von Ideen und Zeit beflügeln eine Bürgerstiftung.

10 Merkmale einer echten Bürgerstiftung

Eine Bürgerstiftung ist unabhängig, gemeinnützig und lokal tätig. Sie wird von mehreren Stiftern gegründet und hat einen breiten Stiftungszweck. Jugend, Kultur und Soziales, Bildungswesen, Natur und Umwelt, sogar der Denkmalschutz sind sinnvolle Ziele. Sie sollte innovativ tätig sein sowohl fördernd als auch selbst operativ.

Sie baut kontinuierlich Stiftungskapital auf. Sie sammelt  auch für Einzelprojekte und gibt jedem die Möglichkeit zur Spende und Zustiftung.

Sie bemüht sich um neue Formen gesellschaftlichen Engagements und fördert Hilfe zur Selbsthilfe. Ihre Arbeit muss transparent sein und die Möglichkeit zur Mitarbeit liefern.

Organisation

Eine Bürgerstiftung gibt sich bei der Gründung eine Satzung. Ihr ausführendes Organ ist der Stiftungsvorstand, dessen Arbeit durch das Kuratorium überwacht wird. Die Stiftung wird vom Regierungspräsidenten überwacht und muss regelmäßig Rechenschaft ablegen. Eine Bilanz, vorzugsweise in doppelter Buchführung, Sitzungsprotokolle des Kuratoriums und ein Jahresbericht werden regelmäßig erstellt.

Wer sind wir?

Die Bürgerstiftung Wesseling wurde 2004 gegründet. Die Idee zur Gründung entsprang der Arbeit der damaligen „Zukunftswerkstatt“,  eine von Bürgermeister Ditgens ins Leben gerufene Initiative von Bürgern für Bürgern, die neue Ideen und Projekte entwickeln sollte. Eine der zahlreichen Ideen umfasste die Gründung eine Bürgerstiftung. Nach zehn Monaten intensiver Vorarbeiten war es dann soweit:

Am 8.12.2004 überreichte Regierungspräsident Jürgen Roters im historischen Ratssaal dem Vorsitzenden Dr.jur. Matthias Franzke die Stiftungsurkunde.

32 Erststifter, Bürger und Unternehmen legten 59.102,- Euro in das Stiftungsvermögen ein. Konrad Beikircher, der beliebte rheinische Kabarettist begleitete die Veranstaltung mit Humor und Sprachwitz: „Der Rheinländer reagiert entweder schnell oder gar nicht, die Wesselinger dachten wahrscheinlich ganz frei, da sin mer dabei.“

Der fünfköpfige Vorstand wird von 16 Kuratoren unterstützt. Beide Gremien organisieren sich in aktuellen Projekten und Arbeitsgruppen immer wieder neu. Der Künstler und kreative Kopf Torsten Gripp und  der Fotograf Jürgen Querbach als „das Auge“ der Stiftung sind immer dabei.

Ziel: Wesseling und seine Menschen stärken

Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen schaffen, Entwicklungen anstoßen,  das Zusammenleben  der Generationen verbessern, diese Ziele machen unsere Stiftung aus.

Dafür müssen wir Einwohner dieser Stadt aber erst einmal wieder an uns selbst glauben. Vor allem die Jungen ahnen meist gar nicht wie viel Substanz und Geschichte unsere Stadt birgt. Die einmalige Lage am Rhein, im Herzen Europas und in einem außergewöhnlicher Kultur- und auch Wirtschaftsraum ist ein Kapital, mit dem wir arbeiten können. Diese Arbeit beginnt aber in den Köpfen und Herzen der Menschen.

Was haben wir bisher geleistet?

Nach der erstmaligen öffentlichen Präsentation der Stiftung auf dem Stadtfest 2004 wurde das erste Projekt aufgelegt: „Wesseling liest“. Im Rheinforum lasen Jugendautoren aus ihren Neuerscheinungen. Finanziert wurde die Lesung durch eine Benefizveranstaltung auf der MS Siebengebirge. Eine Schiffstour mit Weinprobe.  Der rheinische Autor Martin Stankowski  las und kommentierte vor 130 gut gelaunten Teilnehmern an einem wunderschönen Sommerabend.

Nach diesem gelungenen Auftakt ging es weiter mit zahlreichen Informationsveranstaltungen zum Thema Wasserstoff, Energiewandel, Wirtschaftsentwicklung, Spitzenforschung am CERN, Perspektiven des Wesselinger Krankenhauses. Musik, Kultur und Besinnlichkeit wurden auf mehreren ökumenischen Veranstaltungen und Ausstellungen gepflegt.

„Alt trifft jung“, „Älterwerden in Wesseling“, diese Veranstaltungen mit hiesigen caritativen und pflegerischen Einrichtungen und den Schulen wurden erfolgreich durchgeführt.

Was die Bürgerstiftung Wesseling aber in der Stadt und der Region unverwechselbar macht, ist die Verleihung des Leistungsoskar. Dieser Preis ist mit 500-1000 Euro dotiert, verliehen  für außergewöhnliche Leistungen in den Kategorien Kultur, Soziales, Sport, Wissenschaft und Handwerk und für ein beispielhaftes Lebenswerk.

Die Idee zu dieser Idee stammte ebenfalls aus der „Zukunftswerkstatt“.  Sie wurde von der Bürgerstiftung aufgegriffen und zu einem Leuchtturmprojekt ausgebaut. Seit 2006  wird der Preis alle 3 Jahre verliehen.  Nach dem dritten Mal 2012 ist die Preisverleihung nun schon im rheinischen Sinne eine Tradition. Das Rheinforum mit seinem Flair und der einzigartigen Lage beeindruckt immer wieder die Gäste – gerade die von außerhalb. Menschen von Weltgeltung wurden hier prämiert, Mitbürger, die still im Verborgenen Gutes tun, fantastische Ideen und Karrieren wurden ausgezeichnet. Prominente Schirmherren, medienwirksame Moderatoren, exquisite Speisen und ein unvergleichliches Ambiente, daraus besteht die Mischung, die dem Preis und den Preisträgern ein würdiges Forum schafft.

Punktuelle finanzielle Förderungen halfen bei der Bezahlung einer Delfintherapie eines behinderten kleinen Menschen, der Ausrichtung der legendären Heiligabendfeier für Alleinstehende der Pfarrcaritas St.Andreas,  die „Helfenden Hände“ Wesselings wurden unterstützt und einer notleidenden Familie wurde kurzfristig unter die Arme gegriffen.

Wohin wollen wir?

Wir möchten den „Leistungsoskar“ fest etablieren, da  keine vergleichbare Veranstaltung in Wesseling existiert. Identität und Selbstbewusstsein der Bürger können wir so auf Dauer stärken.

Wesseling hat wie die meisten industriell geprägten Kommunen ein Imageproblem. Die Stadt befindet sich im Nothaushalt und hat fast keinen finanziellen Spielraum. Torsten Gripp, Kommissar und Künstler,  hatte nun die Idee des „umgekehrten Mäzenatentums“ und so stifteten Künstler und die Bürgerstiftung der Stadt eine Imagekampagne.

Das „ProjektWesseling“ läuft nun  seit 2012. Fotografien aus ungewöhnlichen Perspektiven mit farblichen Verfremdungen ermuntern den Betrachter sie mit seiner eigenen Sichtweise abzugleichen und die Motive wieder zu entdecken.  Unter der Internetseite „komma-rhein.de“ erscheinen Anekdoten, Begebenheiten und Einsichten von Wesselingern gesammelt und herausgegeben von Stephan Rodtmann.  Die Fotografien und Texte werden sich in einem Bildband wiederfinden, der 2014 erscheinen wird.

Ein wichtiger Schwerpunkt der nächsten 5 Jahre wird die Erhöhung  des Stiftungsvermögens sein, denn mit dem Kapital steht und fällt die Arbeit einer Bürgerstiftung. 600.000 Euro werden als Untergrenze genannt, ab der eine eigenständige, kontinuierliche Arbeit aus eigenen Erträgen erst möglich wird.

Was können Sie, liebe Leser, tun?

  • Stiften Sie Zeit und Ideen, das ist kostenfrei und effektiv.
  • Sogenannte Zustiftungen fließen ins Stiftungsvermögen und werden „unsterblich“.
  • Spenden werden sofort für aktuelle Projekte verwendet.
  • Eine letztwillige Zuwendung, ein Nachlass also, wird den Stifter für lange Zeit unvergessen machen.
  • Eine zweckgebundene Unterstiftung  geht ins Stiftungsvermögen ein, der Ertrag darf aber nur zu dem vorher vereinbarten Zweck eingesetzt werden. Die Bürgerstiftung verwaltet dann die Unterstiftung treuhänderisch.
  • Die Auslobung eines „matching fund“ besteht darin einen Höchstbetrag  zur Verfügung zu stellen, aus dem jede weitere Zustiftung verdoppelt wird.
  • Ihr Geld wird unsterblich, sie tun immer wieder Gutes damit, sie stärken Wesseling langfristig, jeder kann sich eine Zustiftung leisten und es verschafft dem Stifter ein gutes Gefühl  (haben wir schon über die steuerliche Absetzbarkeit gesprochen?).

Kontinuität, Identität und Bewahren: Die Ziele des Heimat- und Geschichtsvereins und  der Bürgerstiftung Wesseling entspringen offensichtlich einer gemeinsamen Quelle.  Ich rufe zur lebhaften Zusammenarbeit auf.

Sie sind willkommen – gehen Sie stiften!

Autor: Stephan Rodtmann, Wesselinger, Gründungsstifter und Kurator

buergerstiftung-wesseling.de

komma-rhein.de

Anhang

Zeittafel

2004
Gründung der Bürgerstiftung Wesseling im historischen Rathaus. Regierungspräsident Jürgen Roters überreicht die Stiftungsurkunde

2004
Die Stiftung präsentiert sich erstmals auf dem Stadtfest

2005
„Wesseling liest“  Kinder- und Jugendautoren lesen im Rheinforum finanziert durch den Erlös der Benefizveranstaltung „Ein Abend für alle Sinne“ Autorenlesung  mit Martin Stankowski auf der MS Siebengebirge mit Weinprobe und 130 Teilnehmern. „Wirtschaft im Wandel“ Informationsveranstaltung

2006
erstmalige Verleihung des Leistungsoskar, je 1000 Euro, Trophäe gestaltet von Torsten Gripp:

  • Lebenswerk:     Paul Nagel,
  • Kultur: Mike Herting,
  • Sport: Günter Nett,
  • Soziales: Magrit Knaust, Dennis Glogau, Tony Gryb, Johannes Grimm,
  • Forschung und Wissenschaft: Christian Weigel, Christian Grosescu,
  • Wesselinger des Jahres: Ursula Jürgens und das Team der KiTa Regenbogen
  • Schirmherr: Europaminister Michael Breuer
  • Moderation: Günther Leitner

2007
„Jung trifft alt“, mit Schauspieler Günter Lamprecht, Prof. Jacobi, Mike Herting

2008

  • „Wasserstoff zwischen Rhein und Erft“, Diskussionen rund um einen Energieträger
  • „Älter werden in Wesseling“  Vortragsreihe über: Wohnformen, Palliativpflege, ältere Migranten. Mit der Stadt Wesseling, Seniorenbeirat, Integrationsbeirat, CBT St.Lucia, Pflege Dreßen

2009     

  • 5 Jahre Bürgerstiftung Wesseling.
  • „Passion: Liebe und Leidenschaft“  ökumenischer konzertanter Abend mit Lesungen, Instrumental- und Chormusik
  • „Wasserstoffregion Rheinland“ Informationsveranstaltung mit der IHK Köln und HyCologne
  • Verleihung des Leistungsoskar dotiert mit  je 1.000,- Euro, Gestaltung der Trophäe Torsten Gripp, Fertigung Glasermeister Friedrich Fuchs
  • Jugend:  Jugendfeuerwehr Wesseling
  • Sport: Nildem Kayas,Weltmeisterin  im Taekwondo
  • Kultur: Christa und Johannes Beckers
  • Soziales: Marga Bornheim
  • Handwerk/Industrie: Lorenz Meschede
  • Lebenswerk: Prof.Dr.med.Neven Olivari
  • Schirmherr: Michael Breuer, Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten

2010

  • „Mainachtslieder“          Kultur-Ökumene mit Kolpingsfamilie  St.Andreas, Wesseling
  • „Wasserstoff und Elektromobilität“ Information im Ratssaal mit HyCologne
  • „Der Urknall im Labor“  Prof. Otmar Biebel vom CERN im Rheinforum
  • Förderung der „Helfenden Hände“ Wesseling

2011

  • „Entdecke Wesseling“ Imagekampagne,  neue fotografische Perspektiven mit „komma-rhein.de“ Geschichten-  und Anekdotensammlung für den geplanten gemeinsamen Bildband.
  • Wein-Kunst-Livemusik: Otto Scholtes stiftet Bilder zu Gunsten der Bürgerstiftung.
  • „Energiecluster – Zukunftsenergie für Wesseling“, Informationsveranstaltung im Rheinforum.
  •  „Entwicklung und Zukunft des Dreifaltigkeits-Krankenhauses Wesseling, Prof. Güsgen

2012

  • „Energiewandel“ Vortrag Wolfgang Bosbach MdB
  • Verleihung des Leistungsoskar dotiert mit  je 1.000,- Euro, Gestaltung der Trophäe Torsten Gripp, Fertigung Rüdiger Scholz, Fa. Graf, Wesseling
  • Schirmherr: Dr. Jürgen Rüttgers, ehem. Ministerpräsident NRW,
  • Kultur: Richard Dold, Urgestein mehrerer  Chöre
  • Sport: Vermins, Base- und Softballmanschaft mit Trainer Udo Dehmel
  • Soziales: Olaf Sowietzki und Michael Michels
  • Wissenschaft: Prof.Dr. Sabine Doering-Manteuffel
  • Lebenswerk: Franz-Josef Thiemermann, Direktor i.R., Käthe-Kollwitz-Gymnasium, Autor
  • Wesselinger des Jahres: Dr. Wilhelm Künsting, Autor, Musiker,
  • Moderation: Simone Standl, WDR
  • Musik: HCC Bigband